„Mainz wird eins“ Mainzer Kirchengemeinden vereinen sich zur Evangelischen Gesamtkirchengemeinde Mainz
Die evangelischen Kirchengemeinden in Mainz schlagen ein neues Kapitel auf: Nach der Zustimmung der Dekanatssynode – dem regionalen Kirchenparlament - und aller 14 Kirchenvorstände soll die „Evangelischen Gesamtkirchengemeinde Mainz“ zum 1.1.2017 gegründet werden. Die Kirchenleitung der EKHN muss den Vorschlag nun noch genehmigen.
Im Evangelischen Dekanat Mainz leben rund 40.000 evangelische Christinnen und Christen in 14 Gemeinden. Mit der neuen Struktur entsteht erstmals eine dekanatsweite Gesamtkirchengemeinde, die die Zusammenarbeit stärkt und langfristig sichert.
Der Dekanatssynodalvorstand begrüßt diesen Schritt als bedeutenden Meilenstein für die Zukunft der evangelischen Kirche in Mainz. Dekan Andreas Klodt bringt es auf den Punkt: „Mit der Gesamtkirchengemeinde stellen wir uns zukunftsfähig auf und schärfen das evangelische Profil in der Landeshauptstadt. “
Unter dem Motto „Mainz wird eins“ rücken die Gemeinden enger zusammen. Ziel ist es, Kräfte zu bündeln, Aufgaben gemeinsam zu organisieren und das kirchliche Leben auch unter schwieriger werdenden Bedingungen verlässlich zu gestalten.
Klare Strukturen und gemeinsame Verantwortung
Die Gesamtkirchengemeinde stützt sich auf zwei zentrale Organe: die Gesamtkirchengemeindeversammlung und den Gesamtkirchenvorstand. Die Gesamtkirchengemeindeversammlung entscheidet über Haushalt, Stellenplan, Umlagen sowie grundlegende Fragen zu Gebäuden und Grundstücken.
Gleichzeitig bleiben die Ortskirchengemeinden erhalten und gestalten das kirchliche Leben vor Ort. Sie wählen ihre Ortskirchenvorstände, organisieren Gottesdienste sowie Kreise und Gruppen, wirken bei Pfarrwahlen mit und verwalten ihr Budget.
Bewährtes bleibt erhalten
Ein zentrales Anliegen war es, Bewährtes zu sichern. Rücklagen für bestimmte Zwecke bleiben erhalten. Das gilt auch für Erlöse aus Immobilienverkäufen. Stiftungen bleiben in der Verantwortung der jeweiligen Ortskirchengemeinden.
Zusammenarbeit neu gestalten
Die neue Struktur erleichtert die Zusammenarbeit. In sogenannten Planungsräumen können benachbarte Gemeinden enger kooperieren, etwa bei der Pfarrstellenbesetzung oder bei gemeinsamen Angeboten. Gleichzeitig bleibt Raum für ortsbezogene Profile und neue Ideen.
Auch organisatorisch bringt die Gesamtkirchengemeinde Vorteile: Verwaltung und Immobilienmanagement werden zentral gebündelt, um effizienter zu arbeiten und die Ortskirchen zu entlasten. Das Personal bleibt im Dienst der Kirche und wird künftig bei der Gesamtkirchengemeinde angestellt. Die die Begleitung und Aufsicht liegt weiterhin vor Ort.
Eine Antwort auf veränderte Rahmenbedingungen
Die Gründung der Gesamtkirchengemeinde reagiert auf sinkende Mitgliederzahlen und knappe finanzielle Mittel. Sie schafft eine tragfähige Struktur, die langfristig Bestand hat. Gleichzeitig bleibt die Kirche nah bei den Menschen – durch die gewählten Ortskirchengemeinden in den Stadtteilen und den Kommunen um Mainz.
Mit Perspektive in die Zukunft
Die Evangelische Gesamtkirchengemeinde Mainz startet zunächst in eine Erprobungsphase bis Ende 2032. 2030 wird die Arbeit ausgewertet, um über die langfristige Fortführung der Zusammenarbeit zu entscheiden.
Info:
Das Evangelische Dekanat Mainz ist evangelische Kirche in der Region und Ansprechpartner für mehr als 40.000 evangelische Christ*innen und 15 Kirchengemeinden in Mainz sowie den Ortsgemeinden Budenheim, Ober-Olm, Klein-Winternheim und Zornheim.
Gestaltet wird die Arbeit der evangelischen Kirche in Mainz von circa 35 Pfarrer*innen, 500 haupt- und nebenamtlichen Mitarbeitenden sowie über 1000 ehrenamtlich Engagierten.
Die Verantwortung für das Dekanat trägt das regionale Kirchenparlament, die Dekanatssynode. Sie wählt den Dekanatssynodalvorstand (DSV) und eine/n ehrenamtlich tätige/n Präses.
Interview mit Dekan Andreas Klodt, evangelisches Dekanat Mainz, zur Bildung der Mainzer Gesamtkirchengemeinde, Mainz, 7.5.2026
Der Weg zur Gesamtkirchengemeinde war kein einfacher. Wie erleichtert waren Sie, dass es geklappt hat?
„Die Beschlüsse waren keine Selbstläufer. Es mussten ja in allen Kirchenvorständen zwei Drittel der gesetzlichen Mitglieder zustimmen; dazu mussten wir auch erst einmal herausfinden, was „die Zahl der gesetzlichen Mitglieder“ bedeutet. Dass die Zustimmung dann so deutlich ausfiel, hat mich nicht nur erleichtert, sondern es war eine große Freude und Bestätigung: Die Kirchengemeinden wollen zusammengehören.“
Die Gesamtkirchengemeinde Mainz wird als Konstrukt einmalig sein in der EKHN. Warum dieser Sonderweg?
Ich würde mir und anderen wünschen, dass das „Mainzer Modell“ kein Sonderweg bleibt. In der EKHN sind wir ein noch Erprobungsmodell, aber vielleicht wird aus der Erprobung eines von mehreren Modellen für andere Regionen und Städte. Wir haben dieses Modell vorgeschlagen, weil wir es gegenüber den üblichen Formen Vielfalt und Einheit verbindet. Denn wir konnten es uns nur so vorstellen, dass bei aller Einheit die Mainzer (Orts-)Kirchengemeinden weiterhin mit einem gewählten Leitungsteam unterwegs sind. Und weil es auf Stadtebene neben einem Gesamtkirchenvorstand auch eine Gesamtkirchenversammlung braucht, in der breiter und öffentlich diskutiert wird. Diese Möglichkeiten der Mitwirkung sind „mainzigartig“.
Bis vor kurzem sollten sich die Gemeinden im Dekanat Mainz noch zu Nachbarschaftsräumen zusammenschließen – was war daran falsch?
Die Nachbarschaftsräume waren zwar nicht falsch, aber die Umsetzung von Vorgaben ohne Vision. Die vier Mainzer Nachbarschaftsräume erfüllten zwar die aktuell gültigen Vorgaben der Landeskirche – aber der Zusammenschluss von mehreren verschiedenen Stadtteilen war auch, wenn man sozialräumlich denkt, nicht der Weisheit letzter Schluss. Ein Zusammenschluss auf Stadtebene wird insgesamt positiver angenommen, denn er steht für das „evangelische Mainz“. Daneben ist der Veränderungsdruck derzeit so groß, dass die vier Nachbarschaftsräume mit ihren Aufgaben schnell an ihre Grenzen gekommen wären.
Welche Hoffnungen verbinden Sie mit dem Schritt zur Gesamtkirchengemeinde und welche Herausforderungen sehen Sie?
Ich hoffe, dass sich in der Evangelischen Gesamtkirchengemeinde Mainz wieder stärker eine Art protestantisches „Mainzgefühl“ einstellt: „Mainz wird eins“ ist mein Slogan dazu. So haben wir vor 224 Jahren, bei der Gemeindegründung im Jahr 1802, ja auch begonnen. Und bestimmte Aufgaben lassen sich besser miteinander lösen: Verwaltung und Umnutzung von Gebäuden, gemeinsamer Einsatz von Personal, zentrale Verwaltungsunterstützung für die Kirchenvorstände. Daneben beginnen wir auch, bestimmte inhaltliche Angebote dekanatsweit zu machen, zum Beispiel „einfach heiraten“ im vergangenen Jahr in der Lutherkirche in der Oberstadt; mit achtzig Segnungen für Paare lagen wir auch bundesweit mit an der Spitze. Gemeinsame Angebote im Team tun allen gut. – Die im Augenblick wichtigste Herausforderung besteht darin, eine Struktur für die Gesamtkirchengemeinde zu schaffen, die bereits ab dem 01.01.2027 arbeitsfähig ist.
Was ändert sich für die Kirchengemeinden mit der Gesamtkirchengemeinde? Welche Rolle wird die Gemeinde vor Ort in Zukunft haben?
Die Rolle der Gemeinde wird sich durch die Gesamtkirchengemeinde nicht wesentlich verändern, denn es gibt weiterhin einen gewählten Kirchenvorstand, der über die Arbeit vor Ort entscheidet und sein Budget verwaltet. Die Aufgabe für die Ortskirchengemeinden bleibt, Kirche für die Menschen im Stadtteil zu sein. Die wirklich einschneidenden Veränderungen kommen durch die gesamtkirchlichen Vorgaben der Landeskirche, die ihrerseits auf Veränderungen reagieren: Stellenkürzungen im Pfarrdienst und Aufgabe von kirchlichen Gebäuden. Das tut richtig weh.
Weniger Kirchenmitglieder, weniger Steuereinnahmen, weniger Pfarrpersonen, weniger Kirchengebäude, weniger Bindung – der Blick in die Zukunft der Kirche ist oft eine düsterer. Was setzen Sie dem Narrativ des Verlusts an Ressourcen und Bedeutung entgegen?
Wir werden in der Tat eine „kleinere“ Kirche, aber das schreckt mich nicht. Schließlich haben wir in Mainz im Jahr 1802 mit nur 700 Evangelischen angefangen. Diese 700 waren damals einfach froh, endlich miteinander Gottesdienst und vieles mehr feiern zu dürfen. Und sie haben sich mit ihrer „Armenkasse“ von Anfang an auch diakonisch engagiert. Ich hoffe sehr, dass wir mit den Angeboten auf Stadtebene und in den Ortskirchengemeinden auch in Zukunft Menschen binden können. Der Apostel Paulus wollte deshalb „allen alles werden“ (1. Korinther 9,22). Für uns in Mainz würde ich es so formulieren: Wir verkündigen und leben hoffentlich so, dass immer wieder Menschen sagen: Da bin ich gerne dabei.